von der entzauberung

in meinem leben galt bisher jedes jahr der urlaub bei meinen großeltern in der slowakei als tröstendes, emotional erhebendes und vor allem reinigendes highlight des jahres. die reise dorthin hatte immer ihre bestimmten meilensteine, denen ich beim vorbeifahren immer einen kleinen gruß zuwarf. jedes jahr dieselbe aufregung am abend vor der abreise, die immense vorfreude auf das land, welches ich so liebe. jedes mal, wenn ich dort war, entzückte mich der anblick des lebens dort und es schien, alsob sich nichts verändert hatte.
sicher hat jeder so ein refugium, das einen im geheimen immer in gedanken begleitet und gereinigt hat und das einen mächtigen, berauschenden einfluss auf den gemütszustand ausübt. je intensiver und wahrhaftiger man sich mit dem effekt, den dieser ort auf einen ausübt, beschäftigt, desto größer ist die gefahr, dass dieser drogenähnliche effekt mehr und mehr schwindet. so entdeckte ich nach und nach, dass meine geliebte heimat eben doch nicht so unantastbar blieb, wie sie früher schien. mich überkam die angst, dass der trost und der zauber dieses ortes irgendwann ganz erlischen und mich unbefriedigt zurücklassen würde. besonders wenn man versucht, diesen ort, der einem so unberührt und heilig erscheint, mit seinem normalen lebensalltag zu verknüpfen, erfasst einen die angst noch mehr, dass die wirkung und die magie irgendwann im zuge des älterwerdens aufhört und der ort gänzlich entzaubert wird. ist dieser ort letztendlich nur ein billiger zaubertrick?
mittlerweile bin ich mir darüber im klaren, das wir den wandlungsprozess von eben solchen orten, stärker wahrnehmen, als andere veränderungen. doch sollte man deshalb nicht verzagen und darüber trauern, sondern aktiv daran teilnehmen. liegt ein zauber auf etwas, so ist er nicht oberflächlich, sondern tief verankert. es ist also fast unmöglich etwas zu entzaubern, was seine wurzeln doch tief verinnerlicht hat; vorrausgesetzt, man entwendet diesen kern nicht. wenn wir bereit sind den zauber aufrechtzuerhalten und am wandlungsprozess teilzunehmen, realisieren wir erst, dass es keinen zaubertrick gibt. tun wir dies nicht, bleibt die verwandlung aus, und entlassen den ort mit seinem kern in die entzauberung.
vergleichbar ist diese theorie mit dem bild einer zwiebel. die äußere haut ist das gegenwärtige, was langsam abzublättern beginnt. doch die zweite, dritte, vierte schicht birgt ein intensiveres und mächtigeres erscheinungsbild, als das vorherige. die essenz bleibt erhalten, die oberfläche ändert sich. es liegt an uns, ob wir die zwiebel weiterschälen wollen, oder ob wir sie wegschmeißen, dem wandlungsprozess nicht weiter folgen und möglicherweise eine neue nehmen.
der effekt, nach dem wir uns so sehnen, bleibt bestehen. man darf nur nicht nach ihm suchen. er findet uns.


s.

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