Simon und Mausekönig

„...Aber nun setzte ein lautes Kichern und Pfeifen ein, das aus allen Ecken tönte, und es raschelte und scharrte hinter den Wänden, als liefen dort tausend kleine Füße herum – und dann blickten aus den Dielenritzen tausend funkelnde Augen auf Marie! [...] Vor Angst und Grauen hatte ihr das Herz bis zum Halse geschlagen, und sie war überzeugt gewesen, vor Angst jeden Augenblick tot umzufallen, doch nun hatte sie das Gefühl, als gefriere ihr das Blut in den Adern. ...“
Ich weiß nicht, ob es euch schon einmal so ging, wie hier der kleinen Marie im „Nussknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann, aber so in etwa fühlte ich mich vor kurzer Zeit, als ich zu Gast in einer Wohnung (Mieter und Namen bleiben hier mal verständlicherweise ausgespart) und selber Zeuge eines mehrfachen Mäusebesuchs war. Natürlich fiel mir sofort, gerade jetzt zur Adventszeit die bekannte Geschichte von den Spielzeugen und Süßigkeiten im Kampf gegen die Mäuseschar ein. Nur war das alles nicht wirklich puderig rosa einbalsamiert, wie die Inszenierung vom Nussknacker vom Balletensemble des Royal Opera House. Das hatte nichts mit Romantik zu tun. Das war Köln von seiner grausamen Seite. Statt bezaubernden Zinnsoldaten und tapferen Lebkuchenmännern versuchte ein verrauchter, freundlicher Kammerjäger, Meister seines Handwerks mit Giftködern und Fallen die graue Eminenz zu fangen. Als Gast in besagter Wohnung fühlt man sich plötzlich gefangen zwischen Mitleid und Ekel. Man will die Freunde, die dort wohnen nicht verletzen, man will auch den Kontakt nicht meiden. Wie soll man sich in so einer Situation am Besten verhalten?
Bisher wurde, soweit ich weiß, der Kampf gegen den Mausekönig noch nicht gewonnen. Was mich jedoch faszinierte war, das diese klischeebeladene Situation es schaffte, in mir eine Haltungsfrage hervorzurufen, vielleicht auch bei den Bewohnern der Wohnung. Wer weiß. Was für ein Chaos eine kleine Maus vollbringen kann.
Ich sehe mich schon, nach dem Sieg über die Maus im Takt des Blumenwalzers durch die Wohnung zu tanzen.

Bis bald,

Simon

#getintune

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